{"id":444,"date":"2014-03-27T11:56:52","date_gmt":"2014-03-27T11:56:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.amitayus.net\/vn\/?p=444"},"modified":"2014-03-27T11:56:52","modified_gmt":"2014-03-27T11:56:52","slug":"ugyen-tseten-rinpoche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/amitayus.net\/de\/2014\/03\/27\/ugyen-tseten-rinpoche\/","title":{"rendered":"Ugyen Tseten Rinpoche"},"content":{"rendered":"<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1841 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.amitayus.net\/de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/kot13vs-150x150.jpg?resize=150%2C150\" alt=\"kot13vs\" width=\"150\" height=\"150\" \/><strong>Gelehrter und Praktizierender \u2013 ehemalige Abt von Gyume Tantric College\u00a0<\/strong>(eine Selbsterz\u00e4hlung)<\/p>\n<p>Ich wurde 1914 in der Provinz Dagyab\/Kham (Osttibet) geboren, die in der Region Dot\u00f6 (mDo stod) ganz im Osten Tibets nahe der chinesischen Grenze liegt. Mein Heimatdorf ist Y\u00fclsch\u00fcl (Yul shul).<\/p>\n<p>Die Menschen dieser Gegend, die zu den \u00e4rmeren Landstrichen Tibets z\u00e4hlte, lebten nicht von Handel und Gewerbe, sondern meist von der Landwirtschaft. Zum einen gab es dort Bauern, die Ackerbau betrieben, zum anderen Nomaden, die haupts\u00e4chlich von Viehzucht und der Erzeugung von Milchprodukten lebten.<\/p>\n<p>Gr\u00f6\u00dfere St\u00e4dte gab es in Dagyab nicht, aber zahlreiche Kl\u00f6ster und viele M\u00f6nche. Innerhalb und au\u00dferhalb der Kl\u00f6ster hatten viele Menschen Verbindungen zum Dharma. Wer nicht im Kloster lebte, war meist sehr gl\u00e4ubig, nahm Zuflucht, rezitierte Mantras und f\u00fchrte andere religi\u00f6se Handlungen durch. Das eigentliche, tiefgr\u00fcndige Wissen \u00fcber den Dharma war dagegen nicht sehr verbreitet, denn die Menschen mu\u00dften hart arbeiten und hatten wenig Zeit, sich mit Dharma eingehend zu besch\u00e4ftigen. Das ist ganz \u00e4hnlich wie hier, wo die Menschen viel arbeiten m\u00fcssen und nur wenig Zeit daf\u00fcr haben, sich intensiv mit den Inhalten des Dharma auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>Meine Erinnerung beginnt erst etwa mit dem vierten Lebensjahr, als ich anfing, Lesen und Schreiben zu lernen. An meine Eltern erinnere ich mich noch gut; sie hielten mich dazu an, die Schriften zu lesen und auswendig zu lernen. Am Anfang gelang mir dies allerdings nicht gut.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der n\u00e4chsten vier Jahre mu\u00dfte ich haupts\u00e4chlich das Vieh h\u00fcten &#8211; Ziegen, K\u00fche, Tsomo, Pferde etc. So war ich oft den ganzen Tag unterwegs, um die Tiere dorthin zu bringen, wo es etwas zu fressen gab, und sie abends zur\u00fcck zum Hof zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Zu jener Zeit lebten in China viele Buddhisten, und ab und zu reisten Lamas aus China nach Tibet. Als ich etwa neun oder zehn Jahre alt war, kam ein chinesischer Lama, der eine Trommel schlug und aus der Hand lesen konnte, durch unser Dorf. Alle Dorfbewohner kamen zu ihm und lie\u00dfen sich von ihm aus der Hand lesen. Nat\u00fcrlich ging auch ich dorthin und lie\u00df mir die Zukunft vorhersagen. Als der Lama meine Handlinien gesehen hatte, riet er mir, M\u00f6nch zu werden. Als M\u00f6nch, so der Wahrsager, werde es mir sehr gut gehen, ich werde ein gl\u00fcckliches Leben f\u00fchren, die Lehre, die ich studiere, gut verstehen, viele Tugenden entwickeln und ein langes Leben genie\u00dfen. Bliebe ich hingegen Laie, so werde mein Leben nicht gut gelingen. Ich w\u00fcrde nicht viel Erfolg damit haben, Reicht\u00fcmer anzusammeln, viele Schwierigkeiten erleben und nur ein kurzes Leben haben. Deshalb k\u00f6nne er mir nur raten, M\u00f6nch zu werden. Ich freute mich \u00fcber seine Worte, da sie meinen eigenen W\u00fcnschen entsprachen.<\/p>\n<p>Trotzdem lebte ich von meinem dreizehnten bis zum neunzehnten Lebensjahr weiter bei meinen Eltern. Ich mu\u00dfte hart arbeiten, da auf dem Hof viel Arbeit anfiel. Meine Familie ging davon aus, da\u00df ich mein Leben auf dem Hof verbringen und f\u00fcr die Familie arbeiten w\u00fcrde. Ich selbst dagegen hielt an meinem Wunsch fest, M\u00f6nch zu werden, wie es mir der Lama geraten hatte.<\/p>\n<p>Dann kam es zwischen den Chinesen und Tibetern zu kriegerischen Auseinandersetzungen, in die das Kloster Dargy\u00e4 verwickelt war. In diesem Kloster lebten M\u00f6nche aus verschiedenen Landesteilen Tibets. Die Chinesen k\u00e4mpften um das Kloster, so da\u00df viele M\u00f6nche gezwungen waren, es zu verlassen; etwa 300 M\u00f6nche flohen in das Gebiet, in dem meine Familie lebte. Wir hatten kein gutes Jahr damals. Die M\u00f6nche kamen im Juli und August, als gerade der Gro\u00dfteil unserer Ernte durch Hagelschauer vernichtet worden war. Ich f\u00fchlte mich \u00fcberhaupt nicht mehr wohl in dieser Situation. Einigen meiner gleichaltrigen Freunde ging es \u00e4hnlich, und wir beschlossen zu fliehen. Eines Nachts stahlen wir uns mit etwas Proviant und Geld versehen davon, ohne den Eltern etwas zu sagen, um ins Kloster zu gehen.<\/p>\n<p>In der ersten Nacht versteckten wir uns im Wald, w\u00e4hrend die Verwandten in alle Richtungen ausschw\u00e4rmten und uns mit Hunden suchten. Zum Gl\u00fcck fanden sie uns nicht. Als &#8216;die Luft rein war&#8217;, machten meine Freunde und ich uns auf den Weg nach Zentraltibet, nach Lhasa. Jeder wu\u00dfte, da\u00df es in Lhasa die besten Klosteruniversit\u00e4ten gab, und deshalb wollten wir dorthin gehen.<br \/>\nUnterwegs trafen wir auf eine Gruppe von etwa f\u00fcnfzig M\u00f6nchen aus verschiedenen Gegenden Tibets, die dasselbe Ziel hatten wie wir. Zu der Zeit gab es nat\u00fcrlich noch keine Autos, sondern man reiste mit Pferden oder Yaks. Die Tiere wurden bepackt, und dann begab man sich auf die Reise. Die M\u00f6nche, denen wir uns anschlossen, reisten mit solchen Lasttieren. Allerdings mu\u00dften wir vier nat\u00fcrlich unsere Rucks\u00e4cke selber tragen, weil wir keine Lasttiere dabei hatten.<\/p>\n<p>Die Reise nach Lhasa dauerte einen Monat und 27 Tage. Als wir in Lhasa ankamen, trafen wir einen Bekannten, der M\u00f6nch in Sera war und uns mit in sein Kloster nahm. Ich trat im neunten Monat des tibetischen Jahres (1933) im Alter von 19 Jahren ins Kloster Sera ein. Dort erhielt ich die M\u00f6nchskleidung und begann mit dem Studium.<\/p>\n<p>Die Studien waren sehr intensiv und oft schwierig. Zuerst wurden die Gesammelten Themen \u00fcber G\u00fcltige Erkenntnis (pramana), auf Tibetisch D\u00fcdra (bsdus grva), studiert. Es gibt verschiedene B\u00e4nde \u00fcber den anf\u00e4nglichen, den mittleren und den gro\u00dfen Pfad der Logik; dieses Studium dauerte zwei Jahre. Sp\u00e4ter wurden dann andere Gebiete studiert, die Vollkommenheiten (paramita), die Philosophie des Mittleren Weges (madhyamaka), das H\u00f6here Wissen (abhidharma), und die Schulung der Disziplin (vinaya).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ersten Jahre fiel es mir schwer, die Studienthemen zu verstehen, und ich war dar\u00fcber unzufrieden. Manchmal \u00fcberlegte ich sogar, ob ich wieder in die Heimat zur\u00fcckkehren sollte. In der Paramita-Klasse, in der die f\u00fcnf Schriften Maitreyas studiert werden, mu\u00dfte man nachts abwechselnd zwei Debatten besuchen, die eine \u00fcber Paramita, also die Sechs Vollkommenheiten, die andere \u00fcber Madhyamaka, die Philosophie des Mittleren Weges. Wir mu\u00dften ein Jahr lang jede Nacht debattieren. Am Ende des Jahres hie\u00df es, da\u00df ich in der Paramita- Klasse ganz gut mitgekommen sei und mich bei den Debatten bew\u00e4hrt habe. So kam ich zu dem Schlu\u00df, da\u00df ich wohl doch gen\u00fcgend Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Studien besa\u00df. Als n\u00e4chstes trat ich in die darauffolgenden Klassen des Paramita- Studiums ein und studierte somit insgesamt sechs Jahre lang die Vollkommenheiten entsprechend den Schriften von Buddha Maitreya \u00fcber den Bodhisattvapfad.<\/p>\n<p>Als ich 20 Jahre alt war, nahm ich zun\u00e4chst das Gel\u00fcbde eines Noviz-M\u00f6nches, auf Tibetisch Gets\u00fcl (oeramanera), von dem damaligen 93. &#8220;Ganden Tripa&#8221;, dem &#8220;Thronfolger von Ganden&#8221; und damit dem Nachfolger von Dsche Tsongkapa. Er stammte aus dem Kloster Drepung. Ugyen Tseten (Or rgyan tshe bstan) ist der Name, den mir meine Eltern gaben. Mein M\u00f6nchsname, den ich bei der Ordination erhielt, lautet Yeshe S\u00f6nam (Ye shes bsod nams). Im Alter von 25 Jahren nahm ich w\u00e4hrend der Paramita- Studien von Purbutschok Dschampa Rinpotsche, einem Tutor des dreizehnten Dalai Lama, das Gel\u00fcbde eines vollordinierten M\u00f6nchs (bhikshu).<\/p>\n<p>Zwischen den Paramita- Studien und den Madhyamaka- Studien gibt es eine \u00dcbergangszeit, in der allgemeine Belehrungen erteilt wurden. Zu meiner Zeit gab Kyabdsche Pabongka Rinpotsche eine Lamrim-Unterweisung \u00fcber die sogenannten Acht Gro\u00dfen Lamrim-\u00dcberlieferungen (lam rim thri chen brgyad), die zwei Monate lang dauerten. Diese kostbaren Unterweisungen haben mir sehr geholfen, und ich hatte keine Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Die Belehrungen waren insofern besonders hilfreich, weil sie eine Verbindung zwischen den Studien und der eigentlichen \u00dcbung der verschiedenen Stufen auf dem Pfad bildeten.<\/p>\n<p>Nach Beendigung der Paramita-Studien besuchte ich die Madhyamaka-Klasse, die die Philosophie des Mittleren Weges zum Inhalt hat. Der Tagesablauf in der Madhyamaka- Klasse ist in den ersten zwei Jahren sehr hart: Tags\u00fcber gibt es Unterricht und Debatten, die ganze Nacht \u00fcber wird debattiert. F\u00fcr dieses Studium gilt das Motto: &#8220;Selbst wenn dir die Haare auf dem Kopf brennen w\u00fcrden, f\u00e4ndest du keine Zeit, das Feuer zu l\u00f6schen.&#8221; Das Thema der Madhyamaka-Klasse ist die Leerheit, also ein sehr umfassendes Studiengebiet. Im zweiten Jahr hatte ich das Gef\u00fchl, da\u00df ich es verstanden und einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Schriften gewonnen hatte. Dieser \u00dcberblick l\u00e4\u00dft sich vielleicht damit vergleichen, da\u00df man auf einem Hochhaus steht und einen weiten Blick \u00fcber das Land hat. Auch die anderen M\u00f6nche best\u00e4rkten mich und sagten, da\u00df ich die Schriften gut verstanden h\u00e4tte. Dadurch f\u00fchlte ich mich entspannt und ruhig im Geist.<\/p>\n<p>Dann folgten zwei Jahre der fortgeschrittenen Madhyamaka-Klasse, in der weitere Kommentare zu den Werken der indischen Meister Nagarjuna und Chandrakirti studiert werden, wie z.B. der gro\u00dfe Kommentar des tibetischen Meisters Dsche Tsongkapa &#8220;Ozean der Beweisf\u00fchrung (Rig pa&#8217;i rgya mtsho)&#8221; zu Nagarjunas &#8220;Grundversen zum Mittleren Weg&#8221; (Madhyamakaoeastra). In dieser Klasse waren die Regeln etwas lockerer, so da\u00df der Zeitplan es erlaubte, auch \u00fcber den Unterrichtsstoff hinausgehende Belehrungen zu h\u00f6ren. So h\u00f6rte ich zus\u00e4tzlich Belehrungen von Kyabdsche Tridschang Rinpotsche und Kyabdsche Ling Rinpotsche.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem bem\u00fchte ich mich, die verschiedenen \u00dcbertragungen von Initiationen und Meditationsanweisungen der Meister jener Zeit zu erhalten. Im Rahmen des Studiums hatte ich f\u00fcnf sogenannte Schriftenlehrer, die den eigentlichen Unterricht gaben. War einer von ihnen verhindert, ging man zu einem der anderen. Die Lehrer betonten immer wieder, wie wichtig es sei, die Bereitschaft zu entwickeln, Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, die im Verlauf des Studierens und \u00dcbens von Dharma auftreten. Sie verwiesen auf gro\u00dfe Vorbilder in der Geschichte wie die vergangenen Meister Milarepa und Drubtschok Ngawang Dschampa. Diese Meister \u00fcbten sich ohne jeden materiellen Besitz und unter gro\u00dfen Schwierigkeiten, und es hei\u00dft, da\u00df sie in nur einem Leben die Buddhaschaft erreichten. Deshalb sollte man, auch wenn es einem an den materiellen Annehmlichkeiten und notwendigen G\u00fctern mangelt, mit gro\u00dfem Eifer studieren und sich \u00fcben, den Geist z.B. durch Niederwerfungen zu reinigen.<\/p>\n<p>Damals besa\u00df ich nur wenige materielle G\u00fcter und auch nicht viel Nahrung. Doch trotz der materiellen Schwierigkeiten f\u00fchlte ich mich im Kloster sehr wohl und entspannt und hatte das Gef\u00fchl, da\u00df ich ein tiefes Verst\u00e4ndnis der Schriften entwickelte.<\/p>\n<p>Zu jener Zeit wurde der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso erkannt, nach Lhasa gebracht und dort inthronisiert, aber nat\u00fcrlich noch nicht zum politischen Oberhaupt Tibets gemacht. Diese Rolle \u00fcbernahm Redring Rinpotsche zu einer Zeit, als es einige innenpolitische Unruhen in Lhasa gab. Die zum Teil mit Gewalt gef\u00fchrten Auseinandersetzungen wirkten sich negativ auf alle Menschen und auf die Lehre des Dharma aus. Es ist unm\u00f6glich, den Geist tief mit dem Dharma zu besch\u00e4ftigen und sich auf das Studium zu konzentrieren, wenn die Menschen mit Krieg und Konflikten besch\u00e4ftigt sind. F\u00fcr das Studium ist es wichtig, da\u00df man einen ausgeglichenen, entspannten und freudigen Geist hat. Solch eine Geisteshaltung zu entwickeln war zu dieser Zeit jedoch nicht recht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meines Studiums in der fortgeschrittenen Klasse \u00fcber den Mittleren Weg gab Kyabdsche Tridschang Rinpotsche Lamrim-Unterweisungen \u00fcber die Schriften Lamrim Delam und Lamrim Nyurlam, den Angenehmen Pfad und den Schnellen Pfad zur Erleuchtung. Diese Belehrungen dauerten 28 Tage, und ich empfand sie als au\u00dferordentlich hilfreich; sie taten meinem Geist sehr gut. In der Klasse \u00fcber den Mittleren Weg blieb neben dem Studium noch Zeit, die ich nutzte, um \u00fcber diese Unterweisungen nachzudenken und sie in der Abgeschiedenheit zu meditieren.<\/p>\n<p>Mittlerweile verf\u00fcgte ich \u00fcber ein gutes Verst\u00e4ndnis von Dharma und dachte an nichts anderes als an Dharma. Es war eine sehr gute Zeit, in der ich mich k\u00f6rperlich wie geistig sehr wohl f\u00fchlte. der einzige Nachteil war, da\u00df nicht genug Zeit blieb, l\u00e4ngere Meditationsklausuren durchzuf\u00fchren. man konnte sich nur zu k\u00fcrzeren Mewditationen zur\u00fcckziehen, weil noch die h\u00f6heren klassen und andere Studiengebiete wie Vinaya und Abhidharma folgten. So waren l\u00e4ngere Klausuren nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Der Buddha hat sehr viele Unterweisungen gegeben. Man spricht von 84.000 Anh\u00e4ufungen seiner Lehre, die sich in die Drei Schriftabteilungen zusammenfassen lassen: die Schriftabteilungen der Disziplin (vinaya-pitaka), der Lehrreden (sutra-pitaka) und des H\u00f6heren Wissens (abhidharma-pitaka).<\/p>\n<p>Die Schriftabteilung des Vinaya enth\u00e4lt im wesentlichen die Schulung der ethischen Disziplin. Im Kangyur (bkan &#8216;gyur), dem tibetischen Kanon, gibt es vier Abteilungen \u00fcber Vinaya, die aus zw\u00f6lf B\u00e4nden bestehen. Die Schriftabteilung der Lehrreden lehrt im wesentlichen die H\u00f6here Schulung der meditativen Sammlung; in diesem Zusammenhang werden haupts\u00e4chlich die Vollkommenheiten z.B. anhand der Schrift von Maitreyas &#8216;Schmuck der klaren Erkenntnis&#8217; studiert. Zur Schriftabteilung des H\u00f6heren Wissens, Abhidharma, die im wesentlichen die Schulung der Weisheit lehrt, werden Schriften wie das Schatzhaus des H\u00f6heren Wissens (Abhidharmakosha) von Vasubandhu, Schriften \u00fcber Logik, \u00fcber Erkenntnis und die Schriften \u00fcber den Mittleren Weg studiert.<\/p>\n<p>Nach dem Studium des Mittleren Weges folgte das Studium des Vinaya, das vier Jahre dauert und nach dem Lehrsystem der Vaibhashikas (also nach einer der Hinayana-Schulen) durchgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Im Rahmen des Vinaya studiert man die \u00dcbung der ethischen Disziplin. Man lernt, welche Disziplinen einzuhalten sind, welche Verfehlungen es gegen die verschiedenen Gel\u00fcbde bzw. ihre Regeln gibt und welche Nachteile aus solchen Verfehlungen entstehen. Die Studien \u00fcber die Disziplin sind sehr umfassend, und die Lehrer legen sehr viel Wert darauf, da\u00df man die verschiedenen Erkl\u00e4rungen gut lernt und sich einpr\u00e4gt. Diejenigen, die sich sehr gr\u00fcndlich mit dem Studium des Vinaya befa\u00dft haben, machen sich manchmal \u00fcber diejenigen, die es damit nicht so genau genommen haben, lustig: &#8220;Ich wei\u00df nicht viel von Disziplin, aber ich diszipliniere meinen eigenen Geist, und das reicht mir.&#8221;<\/p>\n<p>Nach dem Studium des Vinaya ist das Studium des H\u00f6heren Wissens an der Reihe, und zwar das des unteren Abhidharma, das haupts\u00e4chlich dem Schatzhaus des H\u00f6heren Wissens von Vasubandhu folgt. Zwei Jahre lang widmete ich mich Themen, wie &#8216;Die Situation der Wesen im Daseinskreislauf&#8217;, &#8216;\u00c4u\u00dfere und Innere Welt&#8217;, d.h. die Beschreibungen wie eine Welt zustandekommt, wie sie besteht, wie sie wieder vergeht, wie ein Zeitalter der Leere eintritt, usw. Nach diesen Studien folgt die sogenannte Karam-Klasse, eine Vorbereitungsklasse f\u00fcr die h\u00f6chste Studienklasse, die sogenannte Lharam-Klasse, die mit dem Abschlu\u00df des Lharampa-Gesche endet. Auch diese nimmt zwei Jahre in Anspruch. Es werden folgende Themen wiederholt und in der Debatte vertieft: H\u00f6heres Wissen, Disziplin und Logik. Es wurde sehr viel debattiert. Im siebten tibetischen Monat gab es immer eine gro\u00dfe Debatte. Dazu kamen in den Klosteruniversit\u00e4ten jeweils die M\u00f6nche beider philosophischen Klosterabteilungen zusammen, wobei immer zwei M\u00f6nche miteinander debattieren. Der Disziplinar legte gro\u00dfen Wert darauf, da\u00df die M\u00f6nche an dieser Veranstaltung teilnehmen. Wenn zu dieser gro\u00dfen Debattierveranstaltung die M\u00f6nche beider Kollegs zusammenkamen, waren in Sera beispielsweise etwa 6000 bis 7000 M\u00f6nche anwesend.<\/p>\n<p>Nach Beendigung der Karam-Klasse wird man vom Abt der Lharam-Klasse, dieser h\u00f6chsten Klasse, zugewiesen. Das hei\u00dft, man erh\u00e4lt vom Abt ein Abschlu\u00dfzertifikat, das den eigenen Studien und Kenntnissen entspricht. Es gibt vier verschiedene Gesche-Grade: Der h\u00f6chste ist der des Gesche Lharam, dann folgt der Gesche Tsogram, der dritte ist der des Gesche Rigram und der vierte Grad der des Gesche Lingsel. Diejenigen mit dem h\u00f6chsten Grad gehen in die Lharam- Klasse. Ziel des Studiums ist, da\u00df man den Grad eines Gesche erlangt, \u00e4hnlich wie man an einer Schule oder Universit\u00e4t verschiedene Abschl\u00fcsse oder Grade erhalten kann.<\/p>\n<p>Was mich betrifft, so w\u00e4re ich von meinem Wissensstand her gesehen eigentlich nicht f\u00fcr die Lharam-Klasse geeignet gewesen. Doch der Abt wies mich der Lharam-Klasse zu, damit ich auf den h\u00f6chsten Abschlu\u00df hinarbeiten konnte. Innerhalb dieser Klasse bestehen sehr strenge Vorschriften und es sind nur die besten M\u00f6nche anwesend. Man mu\u00df diese letzte Klasse mit gro\u00dfem Eifer durchf\u00fchren, weil das Studium intensiv ist und hohe Anforderungen stellt. Einige M\u00f6nche bleiben sieben Jahre lang in dieser Klasse, andere sechs oder f\u00fcnf. Ich besuchte diese Klasse vier Jahre lang, bis ich 1958 an die Reihe kam, die \u00f6ffentliche Pr\u00fcfung abzulegen, die auf einem Gro\u00dfen Gebetsfest in Lhasa in Form einer \u00f6ffentlichen Debatte stattfand.<\/p>\n<p>Zur \u00f6ffentlichen Debatte kommen die M\u00f6nche aus allen drei Klosteruniversit\u00e4ten, Drepung, Sera und Ganden, aber auch M\u00f6nche aus kleineren und entfernten Kl\u00f6stern zusammen. Im Haupttempel von Lhasa finden dann die Debatten statt, in denen die angehenden Gesches von morgens fr\u00fch bis sp\u00e4t in die Nacht von den M\u00f6nchen befragt werden. Bei dieser Veranstaltung sind immer zwei \u00c4bte und eine Reihe ber\u00fchmter und gelehrter Gesches anwesend, die religi\u00f6se Berater bzw. Debattierpartner des Dalai Lama sind, die darauf achten, wie die Antworten gegeben werden. Ich empfand es etwas furchteinfl\u00f6\u00dfend, vor dieser Kulisse debattieren zu m\u00fcssen. Am Ende der Pr\u00fcfung werden von den anwesenden \u00c4bten Noten verteilt.<\/p>\n<p>Das Gebetsfest wurde von Dsche Tsongkapa begr\u00fcndet. Es findet in dem Monat statt, in dem der \u00dcberwindung der falschen Lehre durch den Buddha gedacht wird. Zur Zeit des Buddha gab es eine Art Wettstreit mit nicht-buddhistischen Lehrern, in dem der Buddha seine Kontrahenten mit seinen Wunderkr\u00e4ften \u00fcbertraf. Dsche Tsongkapa richtete in Erinnerung daran ein Gebetsfest (cho &#8216;phrul smon lam chen mo) ein, bei dem die M\u00f6nche und die Gelehrten miteinander debattieren sollten.<\/p>\n<p>Bei der Pr\u00fcfung schlo\u00df ich als Drittbester ab. Von den Gesches, die eine Benotung erhalten (nicht jeder Teilnehmer an der Pr\u00fcfung erh\u00e4lt eine Benotung), wird erwartet, da\u00df sie in das Tantra-Kolleg eintreten. So trat ich im Jahr 1959 Gy\u00fcme (rGyud smad), dem Tantra-Kolleg von Unter-Lhasa, bei. Dort war es Sitte, da\u00df die M\u00f6nche immer im Anschlu\u00df an das Gebetsfest, also im zweiten Monat des tibetischen Jahres (M\u00e4rz\/April), \u00fcber Land zu den kleineren Kl\u00f6stern gingen. Auf diese Reise nahm man nur einen Rucksack mit den vorgeschriebenen Gegenst\u00e4nden mit.<\/p>\n<p>Im Tantrakolleg herrschte eine strenge Disziplin mit sehr viel mehr Vorschriften als in den Klosteruniversit\u00e4ten. Wir durften beispielsweise nur zweimal am Tag Tee trinken; entsprechend gro\u00df war auch die Tasse (eine Art Holzschale). Au\u00dferdem brauchte jeder unbedingt eine eigene Almosenschale. Auf die Wanderschaft nahm man die Tasse und die Almosenschale mit. Au\u00dferdem hatte man einen Buchdeckel aus Bambus bei sich zu f\u00fchren, um darin Schriften zu transportierten. Zu essen gab es statt Reis und gekochtem Essen Tsampa, ger\u00f6stetes Gerstenmehl. Daf\u00fcr mu\u00dfte man einen Baumwollsack mitnehmen und sich selbst darum k\u00fcmmern, da\u00df man diesen gen\u00e4ht bekam. Au\u00dferdem brauchte man eine Tasche in vorgeschriebener Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr Lebensmittel und andere Gegenst\u00e4nde. Es gab noch einen wei\u00dfen gro\u00dfen Baumwollstoff, in den die verschiedenen Habseligkeiten (M\u00f6nchskleider etc.) eingewickelt wurden. Das Tuch band man sich auf den R\u00fccken. Dar\u00fcber trug man einen Daram, einen Umhang aus schwerem Stoff, auf den dann die Almosenschale gelegt wurde. So bepackt ging man etwa zwei Tagereisen weit auf Wanderschaft (Scho Dangpo) zu einem Tempel.<\/p>\n<p>Dort wurden sehr lange und anstrengende Rezitationen, Unterweisungen, Debatten usw. durchgef\u00fchrt, die vom fr\u00fchen Morgen bis sp\u00e4t in die Nacht hinein dauerten. Das alles hatte man mit gr\u00f6\u00dfter Disziplin durchzuf\u00fchren. An diesem Ort blieben wir f\u00fcnfzehn Tage lang, bis wir der Tradition gem\u00e4\u00df am f\u00fcnfzehnten Tag des zweiten tibetischen Monats in das Tantra-Kolleg zur\u00fcckkehrten.<\/p>\n<p>Als wir uns damals auf die R\u00fcckreise begaben, h\u00f6rten wir, da\u00df Seine Heiligkeit nach Indien geflohen war, und so kehrten auch wir nicht ins Kloster zur\u00fcck. Zusammen mit einigen anderen M\u00f6nchen machte ich mich sofort auf den Weg nach S\u00fcden, nach Indien. Unsere beschwerliche Reise \u00fcber die Berge dauerte etwa einen Monat. Wir besa\u00dfen keine Pferde oder Lasttiere, sondern nur die Gegenst\u00e4nde, die wir auf unsere Wanderschaft mitgenommen hatten, wie M\u00f6nchskleider, Baumwollsack und Almosenschale.<\/p>\n<p>Die Reise war nicht nur beschwerlich, sondern auch gef\u00e4hrlich. Oft mu\u00dften wir vor chinesischen Soldaten fl\u00fcchten, die sich in der Gegend aufhielten, die wir durchquerten. Auf dem Weg schlossen wir uns anderen M\u00f6nchen an, bis wir mit etwa f\u00fcnfzig M\u00f6nchen die indische Grenze erreichten, die Seine Heiligkeit sieben Tagen zuvor passiert hatte. Damals hatte ich keine Probleme mit den Knien und dem Laufen:Die Angst vor den Chinesen machte mich sehr beweglich. In Montawang, Indien, waren wir dann in Sicherheit und wurden angewiesen, nach Nordosten zu gehen, nach Assam, wohin alle Fl\u00fcchtlinge aus Tibet geschickt wurden. Die Reise dauerte noch einmal sechs bis sieben Tage. Nun, da die Gefahr vorbei war und man sich nicht mehr vor den Chinesen zu f\u00fcrchten brauchte, sp\u00fcrte ich die Beine wesentlich st\u00e4rker.<\/p>\n<p>In Assam sammelten sich die tibetischen Fl\u00fcchtlinge, und ihre Vertreter verhandelten mit der indischen Regierung. Sie baten darum, einen Ort zu schaffen, wo die \u00e4lteren Menschen leben konnten. Au\u00dferdem sollte es einen Ort geben, wo die Ordinierten zusammenleben und ihren Studien nachgehen konnten. Auch wurden Mittel und Wege gesucht, da\u00df die Kinder in die Schule gehen und die jungen Menschen eine Ausbildung erhalten konnten. Die Drei\u00dfig- bis Vierzigj\u00e4hrigen erhielten Arbeitspl\u00e4tze im Stra\u00dfenbau und in \u00e4hnlichen Bereichen. Die M\u00f6nche aus allen vier Traditionen trafen sich in Buxa, um dort weiterzustudieren und ihrer religi\u00f6sen Praxis nachzugehen.<\/p>\n<p>Als in Indien die Engl\u00e4nder noch an der Macht waren, war Buxa ein Gefangenenlager f\u00fcr indische Widerstandsk\u00e4mpfer, entsprechend sah es dort aus. Buxa bestand aus einer gro\u00dfen Fl\u00e4che, die von Stacheldraht und Z\u00e4unen umgeben war. In gro\u00dfen H\u00e4usern mit vielen Zimmern lebten bald \u00fcber eintausend M\u00f6nche aus den verschiedenen Traditionen des tibetischen Buddhismus. Die \u00e4lteren M\u00f6nche gaben Unterricht, die jungen M\u00f6nche f\u00fchrten ihre Studien und ihre Debatten durch. In der Regel blieb man etwa acht Jahre lang dort. Ich selbst verbrachte nur drei Jahre in Buxa, zusammen mit befreundeten M\u00f6nchen aus Sera. Dann zogen die M\u00f6nche des Tantra-Kollegs nach Dalhousie, wo 160 M\u00f6nche zusammenkamen. S.H. der Dalai Lama wies alle M\u00f6nche des Tantra- Kollegs an, sich wieder zu sammeln und ihre Studien weiterzuf\u00fchren. So nahm ich dann meine Studien und Aufgaben an diesem Tantra-Kolleg wieder auf. Als examinierter Gesche hatte ich viele Aufgaben zu \u00fcbernehmen, zum Beispiel das Rezitieren des gro\u00dfen tantrischen Kommentars, den man auswendig lernt und vor der Versammlung rezitiert. Au\u00dferdem wurde ich unter anderem f\u00fcr einige Zeit zum Disziplinar des Tantra-Kollegs bestimmt.<\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf Jahren in Dalhousie lud mich S.H. der Dalai Lama nach Dharamsala ein. Seine Heiligkeit bat mich, das neu zu gr\u00fcndende Kloster Rikon f\u00fcr tibetische Fl\u00fcchtlinge in der Schweiz als Abt zu leiten. 1967 kam ich in die Schweiz, wo es eine gro\u00dfe tibetische Fl\u00fcchtlingsgemeinde gab und heute noch gibt. Ich ging zusammen mit vier weiteren M\u00f6nchen dorthin (Amtsantritt am 12. Juli 1967). Nach einem Jahr konnte das Kloster seinen Betrieb aufnehmen. Ich blieb etwas mehr als sechs Jahre lang Abt des Klosters in Rikon.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst war dieses Kloster f\u00fcr die Tibeter gedacht, um Rituale durchzuf\u00fchren, an Unterweisungen teilzunehmen und dergleichen. Mit der Zeit kamen aber auch mehr und mehr westliche Menschen mit ihren Fragen zu uns. Die anderen M\u00f6nche und ich wurden oft gebeten, in Universit\u00e4ten und anderen Institutionen zu sprechen. Manchmal kamen auch Menschen, die einige Zeit im Kloster blieben, Fragen stellten und dann wieder ihren Forschungsvorhaben nachgingen. Ihre Fragen an mich bezogen sich oft nicht auf das, was ich gelernt und wof\u00fcr ich mich im Verlauf meines Studiums interessiert hatte. Es waren Fragen wie: &#8216;Was ist ein Tulku?&#8217; &#8216;Welches System gibt es im Zusammenhang mit den Tulkus?&#8217; &#8216;Wie hoch sind die Berge in der Umgebung von Lhasa?&#8217; &#8216;Wieviele Kl\u00f6ster gab es dort?&#8217; \u00dcber solche Fragen hatte ich mir eigentlich noch nie viel Gedanken gemacht. Kaum jemand wollte etwas \u00fcber die Inhalte des Dharma wissen, \u00fcber zuk\u00fcnftige und vergangene Existenzen, das Gesetz von Karma, die Zuflucht oder Wege, die zur Buddhaschaft f\u00fchren. Die Fragen, die an mich gestellt wurden, betrafen haupts\u00e4chlich die Geographie und die Geschichte Tibets.<\/p>\n<p>Nachdem ich sechs Jahren in der Schweiz gelebt hatte, folgte Seine Heiligkeit einer Einladung dorthin. Diese Gelegenheit nahm ich wahr, den Dalai Lama zu bitten, mich von meiner Aufgabe als Abt in Rikon zu befreien. Ich wollte meditieren und eine l\u00e4ngere Klausur durchf\u00fchren, um mich von schlechtem Karma zu reinigen, Verdienste anzusammeln und die verschiedenen religi\u00f6sen \u00dcbungen durchzuf\u00fchren. Seine Heiligkeit lobte diesen Wunsch und sagte, es sei richtig, da\u00df ich mich zur Klausur zur\u00fcckziehen wolle. Allerdings gab Seine Heiligkeit weder an das Kloster, noch an das Kuratorium des Ortes eine klare Anweisung, da\u00df ich abgel\u00f6st werden sollte, sondern hie\u00df meine Pl\u00e4ne nur im allgemeinen gut. Die Situation blieb in der Schwebe. Eine klare Entscheidung stand noch aus.<\/p>\n<p>In dieser Zeit dachte ich sehr intensiv daran, mich zur Klausur zur\u00fcckzuziehen und konzentrierter \u00fcber Dharma nachzudenken. In den vergangenen vierzehn Jahren hatte ich als Fl\u00fcchtling in Indien und in der Schweiz nicht viele M\u00f6glichkeiten dazu gehabt. Als Fl\u00fcchtling hatte man sich um viele Dinge zu k\u00fcmmern, die das t\u00e4gliche Leben betrafen. Auch in der Schweiz gab es viel Gesch\u00e4ftigkeit und nicht die n\u00f6tige Ruhe, um tiefgr\u00fcndigere Gedanken \u00fcber Dharma zu \u00fcben. Deshalb fa\u00dfte ich den Plan, in Klausur zu gehen. Doch nach der Abreise Seiner Heiligkeit aus der Schweiz kam alles anders.<\/p>\n<p>Es gab in diesem Jahr, also 1974, in Bodhgaya eine Kalacakra-Initiation. Und Seine Heiligkeit wies mich noch im selben Jahr an, nun Abt im Tantra-Kolleg in Indien zu werden &#8211; zun\u00e4chst drei Jahre lang verwaltender Abt (Lama Umdse), dann weitere drei Jahre Abt des Tantra- Kollegs (Kenpo). Nun versuchte ich, deutlich zu machen, da\u00df meine Studienzeit schon lange vorbei war und ich viele der Schriften bereits vergessen hatte. Ich betrachtete mich als ungeeignet f\u00fcr diese Aufgabe und wollte lieber in Klausur gehen. Seine Heiligkeit wies mich trotzdem dazu an, diese Aufgabe zu \u00fcbernehmen. So trat ich wieder in das Tantra- Kolleg von Unter-Lhasa ein, das inzwischen nach Gurupura bei Hunsur in S\u00fcdindien (Ind. Bundesstaat Karnataka) verlegt worden war.<\/p>\n<p>Als Lama Umdse war ich der Vorsteher des Klosters, der sich um alle m\u00f6glichen Belange zu k\u00fcmmern hat, der darauf achtet, da\u00df die Disziplin im Kloster eingehalten und die Veranstaltungen wie vorgeschrieben durchgef\u00fchrt werden. Ich mu\u00dfte mich um die M\u00f6nche k\u00fcmmern und bei allen Veranstaltungen und Rezitationen anwesend sein. Die Verh\u00e4ltnisse im Kloster zeigten, da\u00df ich meine Aufgaben gut erledigt hatte. Die Studien waren gut organisiert. Nun lief ich Gefahr, meinen Fl\u00fcchtlingspa\u00df f\u00fcr die Schweiz zu verlieren, denn ich durfte mich nur drei Jahre lang im Ausland aufhalten. H\u00e4tte ich die Zeit \u00fcberschritten, w\u00e4re der Pa\u00df ung\u00fcltig geworden.<\/p>\n<p>Also reiste ich nach Dharamsala und bat um eine Audienz bei Seiner Heiligkeit. Bei dieser Gelegenheit fragte ich Seine Heiligkeit, was ich nun tun solle, ob ich meinen Pa\u00df ablaufen lassen oder in die Schweiz zur\u00fcckkehren solle. Ich wiederholte meine Ansicht, da\u00df es besser f\u00fcr mich sei, wenn ich nicht der Abt des Tantra-Kollegs w\u00fcrde. Schlie\u00dflich h\u00e4tte ich meine Aufgabe als Lama Umdse gut erledigt. Iim Kloster laufe alles reibungslos. Ich bat Seine Heiligkeit, einen anderen als Abt einzusetzen, weil ich den dringenden Wunsch hatte, in die Schweiz zur\u00fcckzugehen und dort meine Klausur durchzuf\u00fchren. Seine Heiligkeit antwortete, ich solle f\u00fcr sechs Monate in die Schweiz zur\u00fcckgehen und dort meinen Pa\u00df verl\u00e4ngern lassen. Dann aber m\u00fc\u00dfe ich zur\u00fcckkommen und Abt des Tantra- Kollegs werden. Nach einiger Zeit als Abt k\u00f6nnte ich dann in die Schweiz gehen und meine Klausur durchf\u00fchren.<\/p>\n<p>So wurde ich Abt des Tantra-Kollegs. Meine Aufgaben bestanden im wesentlichen darin, den M\u00f6nchen dort Unterweisungen zu geben. An sich sollte ich diese Aufgabe drei Jahre lang innehaben, doch ich blieb nur ein Jahr, weil ich in die Schweiz zur\u00fcck mu\u00dfte, um meinen Pa\u00df zu verl\u00e4ngern. Daf\u00fcr bekam ich die Erlaubnis Seiner Heiligkeit. Die M\u00f6nche des Tantra-Kollegs dr\u00e4ngten mich, l\u00e4nger zu bleiben. Sie sagten, ich h\u00e4tte dem Kloster sehr geholfen, und das Kloster sei in der Zeit, als ich Abt war, aufgebl\u00fcht. Aber ich blieb bei meiner Entscheidung, mit der Genehmigung des Dalai Lama zur\u00fcck in die Schweiz zu gehen.<\/p>\n<p>In Rikon wohnte ich bei einer Schweizer Familie und f\u00fchrte die Vorbereitenden \u00dcbungen und dann eine Klausur in Verbindung mit der Meditationsgottheit Yamantaka durch (ab Herbst 1977). F\u00fcr diese Klausur sind neun Vorbereitende \u00dcbungen vorgeschrieben: 100.000 Niederwerfungen, 100.000 Mandala-Darbringungen, 100.000 Rezitationen des 100-Silben- Mantras von Vajrasattva, 100.000 Rezitationen des kurzen Bittgebets an Dsche Tsongkapa (Migtsema), 100.000 Zufluchtnahmen, die Herstellung von 100.000 kleinen Buddhafiguren (Tsatsa), 100.000 Darbringungen von Wassersch\u00e4lchen und 100.000 Rezitationen des Mantras von Damtsig Dordsche (Samayavajra), das zur Bereinigung von Verfehlungen gegen die verschiedenen Gel\u00fcbde gedacht ist. Den Abschlu\u00df bildeten 100.000 Feuerpujas, bei denen \u2013 als Symbol f\u00fcr die eigenen negativen Handlungen &#8211; schwarze Sesamsamen verbrannt werden. Die 100.000 Darbringungen von schwarzem Sesam dienen also zur Reinigung von schlechten Handlungen. Die einzelnen Sesamk\u00f6rner werden als &#8216;schlechte Handlungen&#8217; ins Feuer geworfen und verbrannt. Dabei wird das Mantra von Dordsche Kandro (Vajradaka) 100.000 Male rezitiert. Diese neun Vorbereitungen dauerten drei Jahre.<\/p>\n<p>Nach all diesen Vorbereitungen fing ich mit der eigentlichen Klausur \u00fcber Yamantaka an, wobei das haupts\u00e4chliche Mantra von Yamantaka 13 Millionen Male rezitiert wird. Diese Rezitation nahm zwei Jahre in Anspruch. Zum Abschlu\u00df wird das l\u00e4ngere Mantra von Yamantaka 1.100.000 Male rezitiert. Diese Rezitation habe ich in Indien durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>So konnte ich mich ganz gut von schlechten Anlagen reinigen und Verdienste ansammeln. Das Retreat dauerte insgesamt f\u00fcnf Jahre. Sp\u00e4ter wurde ich von den M\u00f6nchen in Sera gebeten, als \u00e4lterer und erfahrener Lehrer dorthin zu kommen. Deshalb ging ich 1989 nach Absprache mit Seiner Heiligkeit, der dieses Vorhaben gutgehei\u00dfen hatte, nach Sera in S\u00fcdindien.<\/p>\n<p>Das war die Geschichte eines Lebens ohne viel Dharma &#8211; eine leere, inhaltslose Lebensbeschreibung.<\/p>\n<p>Nach einer m\u00fcndlichen \u00dcbersetzung von Christof Spitz, \u00fcberarbeitet von Svenja Willkomm, Michael Fritzsch und Carola Roloff.<br \/>\nhttp:\/\/www.tibet.de\/ueber-uns\/lehrer\/kensur-geshe-ugyen-rinpoche.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gelehrter und Praktizierender \u2013 ehemalige Abt von Gyume Tantric College\u00a0(eine Selbsterz\u00e4hlung) Ich wurde 1914 in der Provinz Dagyab\/Kham (Osttibet) geboren, die in der Region Dot\u00f6 (mDo stod) ganz im Osten Tibets nahe der chinesischen Grenze liegt. Mein Heimatdorf ist Y\u00fclsch\u00fcl (Yul shul). 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